Donnerstag, 15. September 2011

Vier x Gewalt o Eins

Ich sitze im Bus 629B von der Uni nach Hause. Diese Strecke bedeutet: 45 Minuten zum Lesen, wenn man einen Sitzplatz ergattert. Ansonsten ist im Bus stehen und sich krankhaft an den Haltestangen versuchen festzuklammern nicht die tollste Freizeitbeschaeftigung. Mit Busfahrern, die auf der kaum befahrbaren Haltespur wie vom Teufel geritten durch Schlagloecher ballern, wenn sich auf der eigentlichen nichts bewegt. Heute habe ich so einen temporaeren Leseplatz in der Fuenferreihe ganz hinten im Bus und widme mich, mit gelegentlichen Beobachtungspausen anderer Passagiere, ganz Patti Smith‘ ausdrucksstarker Sprache und interessanten Anfaengen als Kuenstlerpaar zusammen mit Robert Mapplethorpe in „Just Kids“.

Neben mich setzt sich nach wenigen Stationen ein Student, Mexikaner, Ledertasche, schwarze Hornbrille, kakifarbene Hosen, Drei-Tage-Bart. Zurueck bin ich im New York der spaeten Sechziger, wo man auf der Treppe vom Max’s Kansas City noch einen Jimi Hendrix treffen konnte.
Mein Nachbar steht auf, verlaesst den Bus und ein Mexikaner aus den vorderen Reihen hat anscheinend genug von seinem Sitznachbar und setzt sich neben mich. Da so ein Sitzwechsel nicht unbedingt normal ist, werde ich ein wenig nervoes, mein Portemonait Oberschenkel an Oberschenkel mit meinem Nachbarn wissend. Ich lese Patti Smith‘ Gedanken ueber die Unmoeglickeit zu diesem Zeitpunkt fuer sie in dieser Zeit mit Kunst Geld zu verdienen, gucke aus dem Fenster auf die vorueberziehenden Laeden, die die Kulisse langsam in Innenstadt verwandeln, checke meine linke Hosentasche nach dem Relief meiner Brieftasche, lese mein Buch, gucke die Strassen entlang, checke meine Hosentasche, lese, gucke, checke.

Alles gut, nur der Mexikaner, der da noch ein wenig unruhig neben mir hin und her rutscht, laesst mich weiterhin gelegentlich den Check vollziehen. Wir haben inzwischen die Avenida Americas ueberquert und das heisst, in ca. zehn Minuten bin ich am Parque de la Revolucion und von dort sind es noch fuenf Minuten Fussweg nach Hause. Umsteigen muss ich zum Glueck nicht. 
Also noch einmal Zeit fuer den Hosentaschencheck und der Magen zieht sich zusammen, nun bin ich unruhig, wie duenn kann das Portemonait geworden sein? Ich wuehle in meiner Hosentasche, aber natuerlich ist es nicht da. Nun vollkommen unsicher geworden, wuehle ich auch meinen Rucksack, meine Sporttasche, meine rechte Hosentasche durch und schaue auf dem Fussboden nach, um dort nirgendwo fuendig zu werden.
Ich schaue meinen Nachbarn an, in solchen Momenten ist es extrem schwierig Spanisch zu sprechen, und bringe nur ein hilfloses: „Donde esta mi...“ heraus. Er guckt mich ueberrascht an, meint, ob ich glaube, dass er sie habe. Nein, dass natuerlich auch nicht, wir wollen ja niemandem etwas boeses unterstellen. Von meinem guten Willen ueberzeugt, zeigt er selbigen und hilft mir beim Suchen. Links neben sich, nichts, und rechts neben sich, wo ich sitze, auch nichts. Nicht weniger skeptisch geworden durch seinen Eifer, gucke ich ihn an und da springt er nun voellig unschuldig auf und zuckt mit den Achseln. Sein Fehler, mein Glueck oder doch einfach nur Zufall, liegt genau dort, wo er vorher gesessen hat, mein braunes Etwas von Portemonait und ich gebe zu, wiederum faellt mir so mancher meiner beruehmter Steine vom Herzen. 

Erleichtert packe ich den Briefbeutel in meine rechte Hosentasche und da fragt er mich, ob ich jetzt glauben wuerde, er haette sie dort versteckt. Nein, natuerlich nicht, beschwiftige ich und versuche die folgenden, weiterhin nervoesen Fragen nach seiner Gutwilligkeit zu ignorieren, bis er schliesslich drei Stationen vor meiner aussteigt.

(geschrieben Mitte September '11)

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