Es gibt ein Donnern ueber Gudalajara. Ein bis zweimal am Tag, besonders wenn es nach Gewitter aussieht, geht ein babamm, babamm, bam bam bam durch die Stadt. Zwischen den Sicherungsleinen der Funkmasten, die in der Stadt verteilt ueber die zum Grossteil nur zwei- bis dreistoeckigen Haeuser ragen, bildet sich bei erhoehtem Luftdruck ein elektrostatisches Feld, welches bei Ueberspannung zu Funkenentladungen fuehrt und von einem Donnern gefolgt wird.
Montagabend, wir sind auf der Suche nach einem Amuesement. Die Wahl besteht in so einem Fall zwischen den typischen Taqueria oder Salsabars, kubanische Clubs und Tortaria; und eben den Vertretern europaeischer Ausgehkultur in Guadalajara.
Angefangen zum Beispiel bei dem Cafe Madrid im Zentrum, welches eine Symbiose aus mexikanischem Essen und madrilenischem Interior darstellt. Hier wird man im weissen Frack bedient und kann einfach ein wenig Cafeflair geniessen, was sonst eher eine Seltenheit ist in dieser Stadt. Oder natuerlich die Bar Americas, welche ein kleines Stueck Heimat ist fuer alle von der elektronischen Musik alleingelassenen Berliner, Niederlaender und Franzosen und wo am 27. Oktober Matthias Kaden vom Label Freude Am Tanzen auflegt. Und dann gibt es da noch irische Pubs, Pizzerias und das, als globales Beispiel und auch auf dem Campus unserer Fresa*-Schule vorhandene, Starbucks Cafe.
Die Bar Scratch (<el skratsch>) soll heute unser Ziel sein, wo man an der getaefelten Bar sitzt, montags auf Promotion einen grossen Humpen Bier fuer 17 Pesos (ein Euro) bekommt und die Barbesitzer den ganzen Abend Musikvideos aus ihrer geschaetze 800 DVDs umfassenden Sammlung praesentieren. Ein besonderes Schmankerl heute Abend ist das Konzert mit Orchester von Portishead, im Roseland, NYC. Beth Gibbons haucht ihr „Only You“ zu einer Triphop meets Programmmusik Begleitung ins Mikrofon und wird am Ende durch ein Orgelsolo abgeloest, untermalt mit Streichern und einer Beat/Sound-Collage. (http://www.youtube.com/watch?v=sQRBgv4ri_Y)
Draussen auf andere Studenten wartend, die zu unserer Gruppe aus vier Mexikanern und mir stossen wollen, komme ich ins Gespraech mit Alex, dem Tuersteher. Nach anfaenglichen Abmuehungen meinerseits auf spanisch, wechselt er ziemlich bald in perfektes American English. Er komme aus Oklahoma City, ist da in den Ghettos gross geworden und wohnt inzwischen seit fast vier Jahren hier in Guadalajara. Ich bin froh an diesem Abend mal englisch zu reden und so entwickelt sich ein Gespraech, indem wir austauschen, was wir so machen mit unserem Leben und welche Prinzipien uns wichtig sind.
Ja, er hat jetzt irgendwann seinen Platz gefunden fuer die naechste Zeit, mit seiner kleinen Familie, ein Sohn einer mexikanischen Frau, und einem eigenen Bikeshop, was schon immer sein Traum gewesen ist. Vorher in OKC waren es schon andere Zeiten, er hat immer an Motorrads rumgeschraubt, auch dort und in den Gangs rumgehaengen und so einiges gesehen. Ja, Afghanistan war er, erzaehlt er mir ohne Nachfrage, es sei schon sehr verschieden von alledem was man hoert und man sich vorstellen kann. Aber wenn man, so wie er, aus einer bestimmten Richtung kommt, dann gefaellt einem das. Das kann ich mir wohl nicht vorstellen, nein, antworte ich und er beschwiftigt, ja, „everything’s alright, everything’s alright.“
Ich erzaehle ihm ein bisschen von meinen Reisen, von Kanada, im Wald campen, Montreal, Vancouver, Seattle und ja, er habe auch erst letztes Jahr erst eine Tour gemacht. Mit seinem Motorbike Kawasaki Z750, ganz allein, einfach vier Wochen durch die Staaten. „Einmal hoch nach Denver und dann ueber Kansas City, OKC, Dallas, Houston und San Antonio zurueck zur Grenze nach Mexiko. Zwischendurch garnichts, stundenlang nur eine Strasse und vielleicht mal Wald“, erzaehlt er mir. Ja das kenne ich, denke ich, will ihm von meinen Schwedentouren mit dem Fahrrad erzaehlen, aber er ist jetzt richtig in Fahrt gekommen und erzaehlt von schaebigen Motels und den Moskitos die im Sommer zur echten Plage werden. „Gepaeck braucht man nicht viel, eine Tasche mit dem wichtigsten Zeug, sein Motorrad und einen Schlafsack“, in dem er sich, wenn bis Anbruch der Dunkelheit kein Quartier aufzufinden war, einfach neben seine Maschine legt.
Genauso auch nach einer stundenlangen Fahrt durch den Wald, „einfach ein Plaetzchen nahe der Strasse gesucht, kleines Feuer und in den Schlafsack fuer die Nachruhe“. Am naechsten Morgen wird er aufgeweckt von einer fremden Stimme, schaut in ein Gewehrrohr, dann daran vorbei in das Gesicht eines baertigen Anderen: „Gib mir die Schluessel fuer deine Maschine, Alter“. „Everthing’s alright, everything’s alright“ beschwiftigt er und gibt zu verstehen, dass er dafuer seinen Schlafsack oeffnen muesste. „Langsam tastete ich nach dem Reissverschluss meines Schlafsacks, ihm die ganze Zeit direkt in die Augen schauend. Ich ziehe in ruhig mit meiner linken Hand herunter, meine P-8 immer in meiner rechten Hand.“ Er zeigt mit einer Handbewegung wie er die Waffe haelt, waehrend er schlaeft. „‘Everything‘s allright, everything‘s allrigt‘, sage ich zu ihm, waehrend der Reissverschluss beinahe den Griff meines Babys beruehrt. Zack, eine Bewegung und bam, bam, bam!“, sagt er zu mir, in der Veranschaulichung die Hand in typischer Gangsterhaltung in die Luft haltend, dort wo der Kopf des Anderen sein sollte.
Ich gucke ihn mit grossen Augen an, „Ich gebe nicht mal so eben meine Maschine her, das ist wohl klar“ antwortet er ein wenig unsicher nach Beenden der Geschichte. Und obwohl ich vorsichtig Verstaendnis murmel, da mir nichts besseres einfaellt, wird ihm wohl klar was fuer eine Geschichte er da grad diesem kleinen, suessen Touristen erzaehlt hat und murmelt sein „Everthing’s alright, everything’s alright“ und verschwindet nach drinnen, etwas erledigen. Ich bleibe noch draussen, denke darueber, was ich vielleicht falsch verstanden haben koennte und da rollt es wieder heran babam, bababam, bam, bam, bam, das Donnern ueber Guadalajara.
(geschrieben Mitte September '11)
*Fresa – eigentlich Erdbeere, in diesem Zusammenhang in Sinne von snobistisch, hochnaesig ua.
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