Donnerstag, 15. September 2011

Vier x Gewalt o Zwei

Sie ziehen vorbei wie Boote im Fahrwasser des sonst so beschaeftigten, anonymen Verkehrsfluss in Richtung Kathedrale. Sehr langsam, aber angemessen lassen sie ihr Gefaehrte an diesem Sonntag ueber den Asphalt rollen. Wagen nach Wagen nach Wagen nach Wagen zieht an mir vorbei. Es sind nicht unbedingt viele, vielleicht fuenfzehn, aber durch das geringe Tempo fuehlt sich das Passieren eines jeden Teilnehmers dieses Zug an wie eine halbe Ewigkeit.

Sonntagnachmittag, ich bin auf dem Weg zu Pierres, Mars und ein Haufen anderer Austauschstudenten Haus, das Wochenende ausklingen lassen. Ausgeschlafen, noch ein wenig dizzy in der Birne, aber gut gelaunt gehe ich mit einem Alle-Farben-Mix die Calle Hidalgo hinunter. Hier tut sich heute kaum was, Guadalajara hat gestern abend wieder einmal bis spaet in die Nacht getanzt und alle, die es doch nicht im Bett aushalten konnten, sind aufs Land oder auf die Kunstmaerkte in Tonala und Tlaquepaque gefahren.
So in der angenehm waermenden Sonne spazierend denke ich nicht viel, vielleicht kommt es zum Versuch der Rekonstruktion der letzten Nacht, oder der Beweisfuehrung, dass man nichts besseres an diesem Tag machen koennte, als sich auf den Weg durch die bunte Stadt zu neuen Freunden zu begeben.
Ein erstes Auto faehrt an mir vorbei, sehr langsam, so dass ich hinein schauen und die Insassen sehen kann, vorne der Vater mit Schnauzbart, daneben die Mutter, die beideren hinten sitzenden jungen Maedchen kann ich durch die etwas getoenten Scheiben kaum sehen, sie erscheinen 16- bis 18-jaehrig . Auch ich werde kurz wahrgenommen, aber das Auto ist schon an mir vorbei und ich wieder bei meinen eigenen Gedanken, ein wenig nachdenklich, ob der seltsamen Fahrtweise dieser Familie.
Ein zweites Auto folgt, faehrt sehr langsam an mir vorbei, so dass es mich wieder aus meinen Gedanken holt und sie in der Wiederholung der Szenerie nun auf das Geschehen auf der Strasse fuehrt. Ein sehr altes Ehepaar sitzt in der Fahrerkabine, dahinter drei rundliche Damen, dunkle Kleidung, ich sehe Blumen. Ich schaue dem erstenWagen hinterher, der sich noch keine zehn Meter entfernt hat, versuche vor ihm einen Grund fuer die langsame Fahrweise zu entdecken, der meine Vermutungen widerlegt.
Es rollt das dritte Auto an mir vorbei, ich erlaube mir dieses mal keinen Blick auf die Insassen, versuche mit einem Blick die Strasse herunter zu erraten, wie lang dieser Trauerzug ist.

Sie ziehen vorbei wie Boote im Fahrwasser des sonst so beschaeftigten, anonymen Verkehrsfluss in Richtung Kathedrale. Sehr langsam, aber angemessen lassen ihr Gefaehrte an diesem Sonntag ueber den Asphalt rollen. Wagen nach Wagen nach Wagen nach Wagen ziehen an mir vorbei. Es sind nicht unbedingt viele, vielleicht fuenfzehn, aber durch das geringe Tempo fuehlt sich das Passieren eines jeden Teilnehmers dieses Zug wie eine halbe Ewigkeit an.

Eine Ewigkeit, die sich zuerst unerwartet in den Mittelpunkt rueckt. Ich fuehle mich unwohl auf dem Buergersteig mit meiner vor der kurzen Zeit einer halben Ewigkeit verdraengten guten Laune, versuche Grund und Reaktion von Aktionaeren und Partizipenten in so einem Moment zu verstehen und begreife mit zunehmender schlichter Anteilnahme, das genau damit etwas Wunderbares passiert. Zaghaft schaue ich wieder zu den Autos, die inzwischen bei Nummer neun oder zehn sind, nicht um hinein zu blicken sondern um nicht wegzuschauen, das zu zeigen, was ich gerade denke, fuehle. Und so ziehen Wagen elf, zwoelf, dreizehn und irgendwann das Ende der Gemeinschaft an mir vorbei. Der Sonntagnachmittag, der so unbeschwert sein sollte, hat mir einen Moment der Anteilnahme an unbekannter Trauer gegeben.
Es dauert eine Weile nachdem alle Wagen an mir vorbeigerollt sind, bis mir zwei bis drei meiner beruehmten Steine vom Herzen fallen, ich aber trotzdem noch ziemlich gedankbefreit meinen Weg zu dem Haus der Studenten fortsetze. Kurz nach meiner Ankunft muss ich  Pierre diese unerwartet traurige Geschichte erzaehlen und er bestaetigt mich: „Man that’s really a sad story“.

(geschrieben Mitte Septemeber '11)

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